Die Laute des Hochlandes - Gjergj Fishta

Die Laute des Hochlandes - Gjergj Fishta
Gjergj Fishta wurde 1871 in dem Dörfchen Fishta in der Landschaft Zadrima, südöstlich von Shkodra geboren. In seiner Kindheit hatte er den Italo-Albaner Leonardo de Martini, einen Franziskaner, zum Lehrer, der die Aufgewecktheit des Knaben erkannte, ihn in den Franziskanerkonvent Troshani aufnahm und ihn anregte, Franziskaner zu werden. Gjergj legte die mittelschulstudien in Shkodra und Troshani zurück und begab sich 1886 nach Bosnien, wo er im Konvent Sutiskë die philosophischen, in Livno die theologischen Studien betrieb. Zum Priester geweiht und in den Franziskanerorden aufgenommen, kehrte er 1893 in die Heimat zurück, wirkte als Lehrer am Franziskanerkolleg in Troshani, dann als Pfarrer in Gomsige in der Mirdita. 1899 gründete er zusammen mit dem Mirditenabt Prengë Doçi, mit Dom Ndoc Nikaj und Pashko Bardhi die literarische Gesellschaft Bashkimi. 1902 wurde er Direktor der massigen Elementarschule in Shkodra und führte sofort statt des Italienischen, das bisher dort die Unterrichtssprache gewesen war, die albanische Sprache als Unterrichtssprache ein. Später wurde diese Schule von Fishta zum Lyzeum Illyricum erweitert.
Während des ersten großen Krieges gründete er mit Luigi Gurakuqi zusammen auf Anregung des österr.-ung. Generalkonsuls August Ritter von Kral die "Albanische literarische Kommission" und arbeitete mit an den Regeln für eine einheitliche albanische Orthographie. Schon früher, im Jahre 1908, hatte er in monastir an der Lösung der Alphabetfrage mitgewirkt und war Präsident des Zwölferausschusses, dessen mitglieder aus allen Gauen Albaniens dorthin entsandt worden waren. Nach dem Kriege wurde Fishta im August 1919 als Generalsekretär der albanischen Delegation zur Friedenskonferenz in Paris entsendet und war dann mitglied der nach Washington entsandten Spezialkommission, die bei der Regierung der Vereinigten Staaten die Belange des albanischen Staates zu vertreten hatte. Heimgekehrt, wurde er Deputierter im Parlament in Tirana, 1921 Vizepräsident der Kammer, 1930 mitglied der Albanischen mission auf der Balkankonferenz in Athen. Früh wurde er mitarbeiter verschiedener Zeitungen, so der "Albania", der "Diturija", des "Dielli" und gründete 1913 die Zeitschrift Hylli i Dritës, deren Direktor er bis zu seinem Tode blieb. Neben seiner literarischen und politischen Tätigkeit versah er seine priesterlichen Funktionen als Franziskaner im Kloster Gjuhadoll in Shkodra und war in seinen letzten Jahren Provinzial des Franziskaner-Ordens in Albanien. An einem Herzleiden verstarb er am 30. Dezember 1940, von ganz Albanien ohne Unterschied der Konfession gleichermaßen betrauert. Sein Hauptwerk ist unsere Lahuta e Malcis. Das Epos erschien in der endgültigen Redaktion 1937 in der Franziskaner-Druckerei in Shkodra. Fishta hat mehr als dreißig Jahre daran gearbeitet. Nächst dem Epos lag ihm die Lyrik.
Im Jahre 1909 veröffentlichte er die Pika voeset, d. h. Tautropfen, einen Band lyrischer Gedichte, 1913 den Lyrikband Mrizi i Zânavet, d. h. die Mittagsrast der Zonen. Er dichtete die Tragödie Juda Makabe, die den biblischen Stoff behandelt und zuerst 1918 erschien. Religiöse Lyrik ist im Gedichtband Vallja e Parrizit, d. h. Reigentanz des Paradieses, vereinigt. Auch als meister in der Satire bewährt sich Fishta in seinen Anzat e Parnasit, d. h. Wespen des Parnaß, ferner in seinem Gomari i Babatasit, d. h. der Esel des Babatasi. Fishtas poetische Nahrung von Kindheit auf waren die Volkslieder und Volksepen der albanischen Berge. mit der Technik der Kurzepen schuf er sein Großepos, ein albanischer Hörnende, und hat dadurch nicht nur der albanischen Literatur, sondern auch der Weltliteratur ein in poetischer, folkloristischer und historischer Hinsicht unvergängliches Werk geschenkt. Zeitliche Distanz, die klärend wirken wird, wird über allen politischen Zwist hinweg dem Großen zu dem ihm gebührenden Ruhme verhelfen, den er bei Lebzeiten genoß und den seine Werke ihm sichern.

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Die Laute des Hochlandes (Lahuta e Malcis) behandelt in dreißig Gesängen mit fast 17 000 Versen den Freiheitskampf des albanischen Volkes. Die ersten fünf Gesänge spielen im Jahre 1888 und haben die Gestalt des Oso Kuka aus Shkodra, dessen Heldenkampf und freigewählten Tod zum Gegenstand. Der 6. Gesang leitet zum zweiten Teil des Epos über, Dervish Pasha, der türkische General und sein Heereszug nach Montenegro im I. 1878 bilden den Inhalt. Der 7. Gesang, der die Beschlüsse des Berliner Kongresses von 1878 behandelt, führt den zweiten Teil ein. Die Lieder 8-25 einschließlich behandeln die Folgen des Berliner Kongresses, d. h. die Angriffe der Montenegriner gegen Albanien in der Absicht, die Gaue Hoti, Gruda, Plava, Gusi zu besetzen und die Abwehrkämpfe der Albaner mit all ihren Wechselfällen. Die Helden, die in diesen Ereignissen des I. 1879 im Mittelpunkt stehen, sind Ali Pasha von Gusi, Marash Uci, Tringa. Der 26. Gesang ist ein Idyll, das zu den Endgesängen überleitet: 27 fällt in das I. 1908, die Iungtürkenzeit, der 28. mit Ded Gjo Luli als Held in das I. 1910-11, der 29. in das I. 1912, der letzte in das I. 1912-1913.
Der 1. Gesang, betitelt Cubat, die Räuber, setzt mit einem historischen überblick über die Albanerknechtschaft unter den Türken und den Plan des Fürsten Nikita von Montenegro gegen Albanien ein. Im 2. Gesang (Oso Kuka) rücken die Montenegriner in Nordalbanien ein, Oso Kuka zieht mit 10 erlesenen Männern gegen sie.
Der 3. Gesang (Preja, die Beute) ist ein Intermezzo: Ein albanischer Hirt wird auf seiner Alm von einem Montenegriner getötet, Anlaß für Oso Kuka, Blutrache zu nehmen.
Im 4. Gesang (Vranina) wird Oso Kuka beschrieben, der Fürst von Montenegro sendet gegen ihn 200 Helden nach Vranina, der Dichter richtet einen Appell an die Albaner seiner Zeit, es den Helden des Oso Kuka gleichzutun. Von tragischer Wucht ist der 5. Gesang (Deka, der Tod). Nach schweren Kämpfen unterliegt Oso, zieht sich in den Pulverturm zurück und sprengt diesen in die Luft. Über Vranina wird Montenegros Trikolore gehißt. Im 6. Gesang (Dervishpasha) spricht in Stambul ein Wanderer beim Sultan vor und klagt ihm über die traurige Lage Albaniens. Zwischen dem 5. und 6. Gesang liegen 20 Jahre. Der Sultan schickt Dervishpasha mit einem Heer nach Montenegro. Der Berliner Kongreß wird einberufen und hindert die Türken am weiteren Vormarsch. Im 7. Gesang (Kuvendi i Berlinit) wird geschildert, wie die sieben Könige Frieden zwischen Rußland und der Türkei stiften und den Knjaz Nikolla ermächtigen, Nordalbanien bis zum Drin zu besetzen. Im 8. Gesang (Ali Pasha von Gusi) begegnet Ali Pasha auf der Alm der Ora Albaniens, die ihn auffordert, alle Albaner zum Kampf gegen Nikolla zu sammeln, sie verleiht ihm Wunderkräfte. Der 9. Gesang (Der Bund von Prizren) spielt 1878 auf 1879. In Prizren sind die 15 Führer Albaniens versammelt, ihre Reden sind je nach dem Chm rakter des Sprechers verschiedenartig getönt, auf dem Berge Ljubotini sitzen die Ora Albaniens und die Zâna vom Berge Shari, und durch ihre Zwiesprache führt uns der Dichter die versammelten Helden vor. Sie schreiben einen Brief an den Berliner Kongreß und erklären, sich Montenegro nicht zu unterwerfen. Der 10. Gesang (mehmed Ali Pasha) ist das Hohelied auf die albanische Gastfreundschaft. Der neue Pasha lädt die albanischen Stammeshäupter nach Gjakova ein, wirft sie in den Kerker, aber deren Freunde eilen herbei und wollen die Eingekerkerten rächen. Aber der neue Pasha wohnt als Gast bei Abdullah Dreni, dem albanischen Patrioten, es entsteht für diesen der tragische Konflikt zwischen Patriotismus und der Pflicht der Gastfreundschaft. Er liefert seinen Gastfreund nicht aus, in den Kämpfen fällt er und der Pasha. Im 11. Gesang (Lugati, das Gespenst), einer idyllischen Humoreske, wird Knjaz Nikolla bei seiner behaglichen Abendsiesta vorgeführt, er gibt sich als Freigeist, höhnt über Gespenster und Hexenglauben, da erscheint ihm im Schlaf das Gespenst des erschlagenen mehmed Ali, erschreckt ihn sehr und fordert, er solle zum Kampf gegen Albanien ziehen. Der Knjaz bespricht noch in derselben Nacht den Kriegsplan mit Mark Milani. Der 12. Gesang (Marash Uci) ist der erste, den der Dichter veröffentlichte, und ist einer der populärsten des Epos geworden. Marash, der alte Senne und frühere Sultanskrieger, eilt von seiner Alm zu Çun Mula in Hoti und regt ihn an, die Häupter von Hoti sofort zu einer nächtlichen Ratsversammlung zur Kirche von Brigje in Hoti zu laden. Diese Versammlung wird im 13. Gesang (bei der St. Johanneskirche) beschrieben. Marash hält die große Rede, Çun Mula rückt mit seinen Kämpfern an die Brücke von Rrzhanica (14. Gesang), dort kommt es zu Kämpfen, Mark Milani muß fliehen. Hievon wird im 15. Gesang (Kasneci, der Bote) in Cetinje dem Knjaz Nikolla durch Botenbericht gemeldet, der ganz nach antik-griechischem muster gehalten ist. Der 16. Gesang (Kulshedra) ist ein Intermezzo, durch das uns der Dichter die Albanerhelden vorstellt, die in den kommenden Kämpfen eine führende Rolle zu spielen haben. Es sind Drangues, die einen siegreichen Kampf mit der Kulshedra führen. Geschickt wird die Handlung des 17. Gesanges (Auf dem Rebensattel) angeknüpft: Zwei der Dranguehelden stoßen auf dem Heimweg mit montenegrinischen Kriegern zusammen und halten sie mit Hilfe albanischer Hirten im Vormarsch auf. Unter Mark Milanis Führung marschieren sie nach Sutjeska.
An der Brücke von Sutjeska (18. Gesang) versucht Mark Milani den Angriff auf Gusi. Eine Oase in der Schilderung der schweren Kämpfe ist der 19. Gesang (Pater Gjoni). Der Pfarrer von Kelmendi zieht an der Spitze seiner Pfarrkinder zum Kampf nach Sutjeska. Auch der 20. Gesang (Leket) schildert blutige Kämpfe. Im 21. Gesang (Der Vertrag) vereinbart Pater Gjoni mit Mark Milani einen Waffenstillstand zum Begraben der Toten und zur Pflege der Versehrten. Aber im 22. Gesang (Tringa) gehen die Kämpfe in Nokshiq weiter, das von den Serben geplündert wird. Der Gesang ist das Hohelied der Schwesterliebe, das Hohelied auf die albanische Frau und ihr Heldentum. Tringa fällt. Bei ihrem Gehöfte (23. Gesang, Beim Gehöfte des Curr Ula) kommt es zu argen Kämpfen, für Tringa wird Blutrache genommen. Der 24. Gesang (Die Zâna vom Visitor) ist eine Perle der Epopöe, er schildert die Anteilnahme der überirdischen Wesen an Tringas Tod und das Begräbnis der Heldin. Im 25. Gesang (Vollstreckte Blutrache), dem weitaus längsten, werden grimme Kämpfe vorgeführt. Die Kampfbilder sind von schönen Gleichnissen unterkrochen und einem Kapitel albanischer mythologie, dem Zweikampf der Slawenora mit der Zâna und den Albanerhexen Suta und Pasuta, Der 28. Gesang (Die neue Zeit) ist in seiner Friedlichkeit ein schönes Abwechseln gegen die Kampfgesänge, ein Idyllensang, eine humorvoll kameradschaftliche Ansprache an des Dichters Zâna, seine muse, in dem er sie einlädt, nach Lesh zu kommen und dort mit ihm den Frühling zu verbringen.
Der 27. Gesang (Das Iungtürkenkomitee) führt uns in das 2V. Ih. Der 26. Gesang leitet herüber von den Kämpfen der I. 1878 und 1879, die teilweise für die Albaner vergeblich waren, da die Gebiete Gruda, Hoti, Plava, Gusi zu Montenegro kamen, teilweise doch Erfolge hatten, denn Shkodra und das Land bis an den Drin blieben bei Albanien. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Geschickt hat der Dichter diese Lücke ausgefüllt: Er hat uns das Intermezzo von Lesh beschert. In der Türkei findet eine Sitzung der höchsten Beamten statt, in der Turgut Pasha den radikalen Antrag stellt, Albanien zu züchtigen. Er bekommt das Kommando über das Exekutionsheer und geht grausam vor. Die Kämpfe gegen die Türken füllen noch den 28. Gesang (Ded Gjo Luli), die Albaner sind siegreich, durch einen verräterischen Hinterhalt fällt Lesh Nik Daka und stirbt im Kloster zu Rrubigu. Die Türken dringen langsam vor, da bricht der Balkankrieg des I. 1912 aus, der im 29. Gesang wuchtig geschildert wird. Das Schicksal Albaniens ist Hauptthema der Konferenz von London, die den Inhalt des 30. Gesanges bildet. Feierlich leitet der Dichter den Schlußgesang ein. 30 Jahre der Arbeit an diesem Epos liegen hinter ihm, Zweck der Epopöe war es, kommenden Geschlechtern mitzuteilen, wie des Albaners Charakter erst gegerbt werden muhte, um sich wieder der Freiheit erfreuen zu können. Jetzt erfüllt stolzes Selbstbewußtsein den Autor und mit Horaz ruft er: Exegi monumentum aere perennius. Die fiktive Königssitzung in London wird humorvoll kindlich skizziert, schließlich wird dort Albaniens Freiheit und Selbständigkeit beschlossen, und im November 1912 in Valona die Fahne der Freiheit, das rot und schwarze Banner Albaniens gehißt.

  1. Die Räuber
  2. Oso Kuka
  3. Die Beute
  4. Vranina
  5. Der Tod
  6. Dervish Pasha
  7. Der Berliner Kongreß
  8. Ali Pasha von Guci
  9. Die Liga von Prizren
  10. Mehmet Ali Pasha
  11. Das Gespenst
  12. Marash Uci
  13. Bei der St. Johannes-Kirche
  14. Bei der Brücke von Rrzhanica
  15. Der Bote
  16. Die Kulshedra
  17. Auf dem Rebenjoche
  18. An der Brücke von Sutjeska
  19. Pater Gjoni
  20. Der Lekas
  21. Der Vertrag
  22. Tringa
  23. Bei Curr Ulas Gehöft
  24. Die Zâna vom Visitor
  25. Vollstreckte Blutrache
  26. Die Neue Zeit
  27. Das Komitee
  28. Ded Gjo Luli
  29. Der Balkankrieg
  30. Die Londoner Konferenz
Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen verleben von Max Lambertz, 1958.

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